Heiratsanzeigen: Sie sucht ihn

(Leseprobe - veröffentlicht in "Witzick 1")

Reinlich:
Schon beim ersten Treffen in der Wohnung der Inserentin werden Sie rasch das Gefühl bekommen, ein potentieller Nestbeschmutzer zu sein: Kurz nach Betreten der Wohnung werden Ihnen Fußlappen gereicht. Am Kaffeetisch wird jeder Krümel, den Sie auf das blütenweiße Tischtuch streuen, mit dem sofortigen Einsatz eines Tischbesens geahndet und das Verschütten von Flüssigkeit hat die Auswechslung des Tischtuchs samt des kompletten Gedecks zur Folge. Außerdem riecht es leicht chemisch in der Wohnung: dreimal täglich desinfiziert die Inserentin jeden Winkel mit Sagrotan. Nach ein paar Besuchen bei der Inserentin sind Sie ein gefundenes Fressen für alle Bakterien und Viren, denn Ihr Immunsystem sieht nicht mehr ein, wofür es noch arbeiten sollte.

Karrierefrau:
Die Dame ist in der Kommunikationsbranche tätig, wobei die Kommunikation weniger das Sprachliche betrifft als eher das hautnahe Eingehen auf ihre Kunden. Früher mußte die Inserentin im Freien arbeiten - bei jedem Wetter, mit spärlicher Bekleidung. Nicht nur deswegen ist sie hart im Nehmen. Ihre Kunden waren überwiegend motorisiert, aber eher in den unteren Gesellschaftsschichten angesiedelt. Seit ein paar Monaten kann sie in geschlossenen Räumen mit Musikuntermalung in der Nähe des Bahnhofs arbeiten. Sie ist nun noch spärlicher bekleidet, dafür sind die Räume beheizt, stimmungsvoll beleuchtet und ihr Klientel bewegt sich in den oberen Einkommensschichten.

Gebildet:
Die Inserentin kann die Bildzeitung ohne fremde Hilfe verstehen. Sie liest auch mitnichten Groschenromane, sondern bringt einen Bücherschrank mit in die Ehe, in dem die internationalen Literaturgrößen vertreten sind: Uta Danella, Rosemunde Pilcher, Konsalik, Courts-Mahler. In Gesellschaft werden Sie manche Überraschung erleben. Beispielsweise wenn die Inserentin die jahrelangen Restaurierungsarbeiten an einem Bauwerk als Syphilis-Arbeit bezeichnet oder AIDS für eine neue Hilfsorganisation hält. Und Sie werden feststellen, daß Ihre Auserwählte über profunde Lateinkenntnisse verfügt. Bei einer Unterhaltung über Körperpflege ist ihrem Argument "in dubio pro deo" einfach nichts entgegenzusetzen.


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Die geheimen Codes in Heiratsanzeigen

"Wolf sucht Wölfin zur Rudelbildung" - hört sich nett an, aber was steckt dahinter?

Wenn man den Eigenbeschreibungen der heiratswilligen Damen und Herren glauben darf, so scheint es nur Traummänner/-frauen zu geben. Dann aber würden ihnen potentielle Interessenten im normalen Leben rudelweise hinterherhecheln und sie bräuchten nicht inserieren. Also kann da was nicht stimmen.

Durch repräsentative Umfragen und Eigenversuche habe ich herausbekommen, daß die Anpreisungen der Inserenten codiert sind, so wie die Formulierungen in Arbeitszeugnissen. Damit die Leser von Heiratsanzeigen in Zukunft vor den gröbsten Überraschungen gefeit sind, habe ich einge deram meisten verwendeten Floskeln für Sie übersetzt:

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Heiratsanzeigen: Er sucht sie

(Leseprobe - veröffentlicht in "Witzick 1")

Bescheiden:
Hier bekommen Sie es mit einem Geizhals zu tun, der Ihnen jede unnötige Ausgabe vorhalten wird. Als unnötig gelten für ihn: die nur einmalige Verwendung eines Teebeutels, Bohnenkaffee statt Caro, Heizung statt dicker Pullover. Nur mit Mühe werden Sie ihn davon überzeugen können, daß die Anschaffung eines Herdes gegenüber der steinzeitlichen Feuerstelle gewisse Vorteile hat.

Gut situiert:
Der Mann kann seine ca. 50 qm große, abschließbare Wohnung mit Strom- und Wasseranschluß sowie inliegendem WC allein bezahlen. Die Wohnung liegt zudem in einem Stadtviertel mit gehobener Wohnkultur: Der Gehweg vor dem Haus ist gepflastert. Außerdem verteilt der Hausmeister in schneereichen Wintern handliche Klappspaten und kleine Säckchen mit Streugut an die Mieter. Der Service ist in der Miete inbegriffen.
Zum Schutz der Mieter existiert ferner ein professioneller Sicherheitsdienst: Täglich um 21.00 Uhr verrammelt der Hausmeister die Haustür mit einem Eisenriegel und sperrt erst um 6.00 Uhr morgens wieder auf. Er ist der einzige, der einen Schlüssel hat.

Mit Grundbesitz:
Ihr Kandidat hat von seinen Eltern ein unbebautes Wiesenrechteck von ca. 300 qm geerbt. Das Areal, auf dem das Grundstück liegt, wurde unlängst zum Naturschutzgebiet erklärt. Es ist daher weder eine feste Bebauung möglich, noch die Errichtung einer saisonal begrenzten Unterkunft in Form eines Zeltes. Dennoch ist das Grundstück kein totes Kapital: Nutzen Sie es zur Erforschung der einheimischen Flora und Fauna: Sie werden z.B. faszinierende Einblicke in das Liebesleben der Spinnen erhalten und sich dort einige Anregungen für ihr eigenes holen können.

Naturverbunden:
Der Kandidat ist ein großer Fan von Zimmerpflanzen aller Art. Im Wohnzimmer kultiviert er mit kenntnisreicher Sorgfalt die Pflanzenwelt des tropischen Regenwalds. 40 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 90 % sorgen für ein angenehmes Wohnklima. Falls Sie weniger schweißtreibende Temperaturen bevorzugen, so können Sie ins Schlafzimmer ausweichen: Hier gedeihen die Flechten und Moose der sibirischen Tundra. Die Jahreszeiten werden dank moderner Klimatechnik naturgetreu nachgeahmt.

Sensibel:
Dieser Mann spürt das Gras wachsen: Hinter einem leichten Hüsteln sieht er die ersten Anzeichen einer Bronchitis, ein gewöhnlicher Schnupfen artet zur Stirnhöhlenvereiterung aus und er legt sich mit leicht erhöhter Temperatur ins Bett, um die bevorstehende Malaria durchzustehen. Jede noch so vorsichtig geäußerte Kritik sieht er als Beweis seines Versagens. Lassen Sie sich nicht von ihm dabei erwischen, wie Sie ein Silberfischchen im Vorratsschrank zerdrücken: Über die Erkenntnis, welch ein brutales, gefühlloses Monster er geheiratet hat, wird er nie hinwegkommen.

Was suchen die Herren wirklich?

Häuslich:
Die Kandidatin darf keinen Beruf ausüben, sie hat sich dem Haushalt hingebungsvoll zu widmen. Ihre Anfragen wegen Kino, Theater, Oper, Tanzengehen gelten als anarchistische Anwandlungen. Folgende Hobbys dürfen Sie betreiben: Handarbeiten, Kuchenbacken, Kreuzworträtsel. Ihre Kleidung hat unauffällig, schlicht und reizlos zu sein. Das Sexualleben wird angenehm berechenbar: einmal pro Woche, Missionarsstellung - im Dunkeln, versteht sich.

Emanzipiert:
Der Inserent ist ein harmoniebedürftiger Charakter, der Konflikte scheut. Ihnen wird die Aufgabe zufallen, ihm die unvermeidlichen Auseinandersetzungen im Alltag vom Leibe zu halten. Ob Sie nun die Handwerker ob ihrer Unzuverlässigkeit zusammen­stauchen, sich im Restaurant beim Geschäftsführer wegen der frechen Bedienung beschweren, ob Sie sich mit einem Autofahrer von 2 m Körpergröße anlegen, der Sie geschnitten hat oder ob Sie bei seinem Chef die Lohnerhöhung durchboxen - Sie werden voll gefordert, und Ihr Mann wird immer hinter Ihnen stehen.


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Modell Bongo: Szenen einer Ehe

(Leseprobe - veröffentlicht in "Witzick1")

Für jede Ehe oder Partnerschaft gibt es zahlreiche Bewährungsproben. Der gemeinsame Urlaub ist eine davon, miteinander eine Schrankwand aufzubauen eine weitere, dank der schwedischen Möbelindustrie recht verbreitete. Sofern die testosterontragende Hälfte nicht dem alten Vorurteil frönt, wonach nur Männer das Heimwerker-Gen in sich tragen.

Er:
Das ist ja super, daß der Schrank doch so schnell geliefert worden ist. Es hat ja eigentlich geheißen, daß es drei Wochen dauert.
Ich hab die Anleitung schon mal kurz überflogen. Ist ganz einfach, das kann ja jeder Depp. Das haben wir gleich!

Sie:
Ich stelle inzwischen Bier kalt.

Er:
Du, haben wir den Schrank nicht mit einer extra Spiegeltür bestellt?

Sie:
Schon. Dann haben sie falsch geliefert - (seufzt) - Das geht ja schon gut an. Was soll's - bauen wir das Teil auf.

Er:
Gib mir doch mal das zweite Auflageteil für die Kleiderstange.

Sie:
Da ist keins mehr.

Er:
Wie, da ist keins? Das muß da sein!

Sie: (etwas beleidigt):
Ich bin ja nicht blind. Schau halt selber, wenn Du mir nicht glaubst. (sucht herum) Vielleicht wurde vergessen, sie mitzuliefern.

Er: (etwas genervt):
Quatsch, so eine große Firma vergißt so was doch nicht. Du hast doch vorhin ein paar von den Tütchen weggeräumt, vielleicht war das Teil da drin?

Sie: (beleidigt)
Die waren leer.

Er:
Du mit Deinem Ordnungsfimmel. Jedesmal dasselbe!

Sie:
Was heißt hier "jedesmal"? Wenn ich nicht aufräume, wer würde es dann machen? Du bestimmt nicht. Sonst bist Du ja auch froh, wenn alles aufgeräumt ist.

Er:
Ah ja! Genau wie bei unserem Urlaub auf Sardinien: Wer hatte da meine schwarze Wollhose nicht eingepackt? Ich mußte die lapprige Leinenhose zu meinem Sakko anziehen in dem stinkfeinen Restaurant. Ich habe mich gefühlt wie ein Leprakranker.

Sie:
Ach, Du Armer! Hättest Deinen Scheißkoffer ja auch selber packen können. Aber das machen der Herr ja nicht, dafür hat er seine Kammerzofe.

Er:
Ich hätte meinen Koffer verdammt gern selber gepackt, aber ich durfte nicht: Du hast ja die ganzen Vorbereitungen voll an Dich gerissen. Wie Du es immer machst.

Sie:
Ja, ja. Entschuldige, aber Du hast in manchen Dingen zwei linke Hände und nur eine Gehirnhälfte.

Er:
Jetzt werd nicht persönlich. Tatsache ist doch, daß Du es nicht erträgst, wenn jemand anderer das Ruder hält. Ha! Da hat mir Deine Mutter übrigens scho a paar Sachen erzählt!

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